Die Pacelli-Edition

Über den Autor

Thomas Vitzthum ist Student an der Universität Regensburg. Er studiert im Master Geschichtswissenschaft.

Dieser Eintrag entstand als Arbeitsauftrag in der Übung Hands-on History: Historische Schriftquellen im digitalen Zeitalter im Sommersemester 2020 an der Universität Regensburg.

DIGITALE EDITION DER NUNTIATURBERICHTE EUGENIO PACELLIS

EINE ZEIT VOLLER KRISEN

Die Jahre 1917 bis 1929 waren eine Zeit voller Krisen für das Deutsche Reich. In diesen Zeitabschnitt fallen die Niederlage des Ersten Weltkriegs 1918, die Besetzung des Rheinlandes durch die Siegermächte, die Hyperinflation 1923, der Hitler-Ludendorff-Putsch vom selben Jahr und die Weltwirtschaftskrise 1929 – um nur die wichtigsten zu nennen (Scheuch, 2010, S. 115 ff.).

Genau in dieser ereignisreichen Zeit war Eugenio Pacelli (der spätere Papst Pius XII.) päpstlicher Nuntius in München (1917-1924) und Berlin (1920-1929). Seine Berichte nach Rom bieten spannende Einblicke in die Verhältnisse im Deutschland der damaligen Zeit. Erstmals wurde es 2003 und 2006 durch die Öffnung der Akten aus der Zeit Papst Pius XI. (reg. 1922-1939) möglich, diese Quellen zu edieren und so der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Sie stellen – so die Projekthomepage – „das wichtigste zusammenhängende Quellenkorpus zum deutschen Katholizismus in der Weimarer Zeit“ dar. Die Abb. links zeigt Pacelli als päpstlichen Nuntius 1922 in Bayern. (Quelle: Wikipedia)

DER QUELLENBESTAND

Der Großteil der edierten Archivalien (14.835) lagert in verschiedenen Beständen im Vatikanischen Apostolischen Archiv (Archivio Apostolico Vaticano, AAV). Hier befinden sich heute auch die Unterlagen der Nuntiaturen München und Berlin. Auf dem zweiten Platz liegt das Archivio Storico der Sezione per i Rapporti con gli Stati der Segreteria di Stato (S.RR.SS.) mit 3.635 Einheiten. Aus vier weiteren apostolischen Archiven stammen jeweils eine Anzahl von Quellen im zweistelligen Bereich.

Abbildung 3: Ein Raum des Vatikanischen Apostolischen Archivs (vormals Vatikanisches Geheimarchiv)

Es handelt sich bei den Quellen um die Berichte Pacellis nach Rom – und zwar meist sowohl in der Original-Ausfertigung als auch im Entwurf – sowie um die Weisungen der unterschiedlichen kurialen Behörden aus Rom an ihn mitsamt Anlagen. Bei der Quellengattung handelt es sich um Briefe und (manchmal verschlüsselte) Telegramme. Wie oben bemerkt umfassen diese den Zeitraum von 1917 bis 1929. Die Nuntiaturberichte sind auf Italienisch, die Weisungen auf Italienisch und teilweise Latein verfasst. Die Online-Edition fügt den fremdsprachigen Texten jedoch deutsche Regesten bei. Als Beispiel eines Nuntiaturberichts ist hier derjenige vom 9. November 1923 abgebildet, in dem Pacelli über den Hitler-Putsch berichtet.

Abbildung 5: Bericht Pacellis vom 9. November 1923 (Originaltext in italienischer Sprache)

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HISTORISCHER KONTEXT

Das päpstliche Gesandtschaftswesen entwickelte sich im Laufe der Frühen
Neuzeit. „Nuntius“ ist das lateinische Wort für „Botschafter“ (Sleumer, 2015, S. 555). Die Münchener Nuntiatur wurde 1785 geschaffen, war jedoch von 1800 bis 1818 vorübergehend unbesetzt. Danach war sie de jure nur für das
Königreich Bayern zuständig, entwickelte sich de facto aber im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Art „Reichsnuntiatur“. Gerade unter dem Nuntius
Eugenio Pacelli war die Nuntiatur in München von hoher Bedeutung für die
Europa- und Weltpolitik des Vatikan. Pacelli, 1876 in Rom geboren, wurde 1899 zum Priester geweiht. Die Promotion zum Dr. theol. sowie Dr. iur. can. folgten. Nach einer ansehnlichen Karriere im Dienste des Vatikan wurde er 1917 von Papst Benedikt XV. zum Nuntius in München ernannt. Nachdem 1920 eine neue Nuntiatur in Berlin geschaffen worden war, übernahm Pacelli die Stelle des dortigen Nuntius in Personalunion. Ein Konkordat zwischen dem bayerischen Staat und dem Papst setzte Pacellis Wirken in München 1924/25 ein Ende. Als der Heilige Stuhl auch mit Preußen ein Konkordat schloss, wurde Pacelli 1929 aus Berlin abberufen und zum Kardinal ernannt. Er wurde schließlich 1939 als Pius XII. Papst und aufgrund seines „Schweigens“ zum Holocaust eine der berühmtesten Personen des 20. Jahrhunderts.

DER ERSCHLIEßUNGSPROZESS

Initiiert wurde das Vorhaben von Prof. Dr. Dr. h. c. Hubert Wolf vom Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Professor Wolf finanzierte Vorarbeiten zum Projekt selbst und trägt die wissenschaftliche Leitung. Der Großteil der Quellen des Projektes lagern – wie oben dargelegt – im Archivio Apostolico Vaticano (AAV; deutsch: Vatikanisches Apostolisches Archiv), dessen Präfekt Sergio Pagano das Digitalisierungsvorhaben unterstützt. Das Deutsche Historische Institut Rom (DHIR) stellt die technische Infrastruktur zur Verfügung und betreut die Webseite des Projektes. Die Finanzierung des Vorhabens trug vom 1. Januar 2008 bis zum 31. Dezember 2019 die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Als Nuntiaturberichte in die Edition aufgenommen wurden alle Schreiben der Münchener und Berliner Nuntiatur an den Kardinalstaatssekretär bzw. das Kardinalstaatsekretariat, andere Kuriale im Staatssekretariat und andere römische Kongregationen. Außerdem wurden Schreiben aus den Beständen „Oboli“ (Spenden), „Messe“ und „Prigioneri“ (Kriegs- und Zivilgefangene) ediert, wenn sie einen politischen Inhalt aufwiesen. Zuletzt wurden auch persönliche Schreiben Pacellis nach Rom sowie Berichte, die der Nuntius aus der Schweiz absandte, in die Edition aufgenommen. Die Ausfertigungen der Berichte wurden händisch transkribiert und mit Kommentaren sowie Regesten versehen. Die Entwürfe hingegen wurden im Layermodell transkribiert (Jahrgänge 1917-1919) bzw. nur dann transkribiert, wenn sie inhaltliche Abweichungen zur Ausfertigung enthalten, die Ausfertigung als verschlüsseltes Telegramm versendet wurde oder die Ausfertigung nicht vorliegt (Jahrgänge ab 1920). Das Layermodell ermöglicht es hierbei, die Entwicklung des Textes vom ersten Entwurf bis zur Ausfertigung zu verfolgen. Auch die verschiedenen Hände, von denen die Änderungen stammen, werden dabei unterschieden. Sofortkorrekturen des Verfassers werden mit Einblendungen, spätere Überarbeitungen mit einem Schichtenmodell deutlich gemacht. Von den aus Rom kommenden Weisungen wurden nur die Ausfertigungen (Nuntiaturarchive München und Berlin) ediert und lediglich bei deren Fehlen der in Rom lagernde Entwurf herangezogen. Die Quellen wurden fortschreitend nach Jahrgängen auf die Internetseite des Projekts gestellt.

Durch die Nutzung von XML soll gewährleistet werden, dass die Texte für weitere Bearbeitungen und Analysen zukünftig in einem standardisierten Format zur Verfügung stehen. Für die Pacelli-Edition wurde das Softwaresystem DENQ („Digitale Editionen Neuzeitlicher Quellen“) verwendet. DENQ wurde 2005 von HistorikerInnen (Deutsche Historische Institute Rom und London) für HistorikerInnen entwickelt und verlangt vom Benutzer/der Benutzerin nur geringe technische Kenntnisse.

Abbildung 6: Funktionsweise von DENQ

Es ist möglich, Textstellen zu annotieren (auszeichnen) und mit Biographien oder Sachdaten zu verknüpfen.Außer für die Pacelli-Edition wurde DENQ auch für die Edition der britischen Gesandtenberichte aus Deutschland aus der Zeit von 1816 bis 1850 wie auch der Berichte des Nuntius Cesare Orsenigo aus Deutschland (1930-1939) benutzt (Hörnschemeyer, 2009).

ZIEL DES PROJEKTS

Die Quellentexte können für eine große Bandbreite von interessanten Fragestellungen herangezogen werden. Pacelli berichtet nicht nur über die katholische Kirche im Deutschen Reich, sondern auch über Politik, Gesellschaft, Kultur und Alltagsleben. Auch über Osteuropa, vor allem die Sowjetunion, wusste Pacelli einiges zu melden. Darüberhinaus liefern die Berichte des Nuntius Einblicke in seine Biographie, Arbeitsweise und Denkstrukturen sowie seinen Charakter. Zuletzt kann man den Quellen (vor allem den Weisungen aus Rom) Informationen über Entscheidungsfindung im damaligen Vatikan entnehmen. Innerhalb des Projekts sind verschiedene Arten des Information Retrieval verankert. Darunter versteht man die Möglichkeit, „relevante Informationen in Datenquellen zu finden“ (Klinke, 2017, S. 268). Die Quellentexte sind nach Archiven, Themen und Chronologie einsehbar. Außerdem wurden thematische Schlagworte kreiert (siehe Verzeichnis), über die man einschlägige Textstellen finden kann. Zudem kann man die Dokumente, Kurzbiografien (zu deren Erstellung wurden neben Literatur auch die Normdateien GND und VIAF herangezogen) und die Liste der Schlagwörter nach Begriffen durchsuchen. Zuletzt sieht man bei den Kurzbiographien, in welchen und wie vielen Dokumenten diese verlinkt sind. So wird in (nur) sieben Quellentexten auf die Kurzbiographie Adolf Hitlers verwiesen.

Startseite der Pacelli Edition

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Screenshot der Homepage der Pacelli Edition

BISHERIGE ERGEBNISSE

Basierend auf den edierten Quellen der Pacelli-Edition konnte eine große Anzahl von Publikationen, aber auch Vorträgen und Präsentationen sowie Berichten und Interviews getätigt werden. Diese sind komplett auf der Webseite des Projektes aufgelistet. Beispielsweise veröffentlichten Sascha Hinkel, Elisabeth-Marie Richter und Hubert Wolf einen Artikel zum Thema „Die Korrespondenz zwischen Nuntius Pacelli und Staatssekretär Gasparri zur Friedensinitiative Benedikts XV.“ in einem Sammelband zur Friedensnote Papst Benedikts XV. vom Jahr 1917, der 2019 erschien. Von besonderem Interesse für die Arbeitsweise der Editoren und den Erschließungsprozess sind die „Standards der kritischen Online-Editionen der Nuntiaturberichte Pacellis und der Tagebücher Faulhabers“, welche 2017 als Artikel in der Konferenzschrift „Digitales Edieren im 21. Jahrhundert“ erschienen sind. Als Beispiel für einen Vortrag sei „Ein Römer in Deutschland. Zur Wiederauferstehung der Nuntiaturberichtsforschung durch digitale Editionen“ von Sascha Hinkel erwähnt, den dieser bei einem Kolloquium zur Landesgeschichte in Mainz (18./19.10.2018) hielt. Und schließlich möge als Beispiel für ein Interview ein Gespräch von Hubert Wolf für die Zeitschrift Kirche+Leben (27.07.2014) über „Giftgas im ‚Gerechten Krieg‘“ dienen.

LINKS

Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte (Universität Münster): https://www.uni-muenster.de/FB2/mnkg/

Deutsches Historisches Institut Rom (DHIR): http://www.dhi-roma.it/

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG): https://www.dfg.de/

Archivio Apostolico Vaticano (AAV): http://www.archivioapostolicovaticano.va/content/aav/it.html

Segreteria di Stato, Sezione per i Rapporti con gli Stati, Archivio Storico (S.RR.SS.): http://www.vatican.va/roman_curia/secretariat_state/sezione-rapporti-stati/archivio-storico/index_it.htm

Projekthomepage: http://www.pacelli-edition.de/index.html

LITERATUR

Soweit nichts anderes angegeben ist, entstammen die Informationen in diesem Beitrag der Webseite zum Projekt. Die Startseite ist unter der URL http://www.pacelli-edition.de/index.html aufrufbar.

Hörnschemeyer, J. (2009). DENQ. In M. Matheus & H. Wolf (Hrsg.), Bleibt im Vatikanischen Geheimarchiv vieles zu geheim?: Historische Grundlagenforschung in Mittelalter und Neuzeit (S. 13-18), einsehbar unter: http://www.romana-repertoria.net/fileadmin/user_upload/pdf-dateien/Online-Publikationen/Dresden_Histtag/Hist_Grundlagenforschung_Mittelalter_Neuzeit.pdf (zuletzt aufgerufen am 20.06.2020).

Klinke, H. (2017). Information Retrieval. In F. Jannidis, H. Kohle & M. Rehbein (Hrsg.), Digital Humanities: Eine Einführung (S. 268-278). Stuttgart: J. B. Metzler.

Scheuch, M. (2010). Historischer Atlas Deutschland: Vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung in Karten, Bildern und Texten (2. Aufl.). Augsburg: Weltbild.

Sleumer, A. (2015). Kirchenlateinisches Wörterbuch (6. Nachdruck). Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms.

ABBILDUNGEN

Abbildung 1: Wikipedia-Artikel zu Pius XII., einsehbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Pius_XII. (zuletzt aufgerufen am 23.05.2020).

Abbildung 2: Startseite der Pacelli-Edition, einsehbar unter: http://www.pacelli-edition.de/index.html (zuletzt aufgerufen am 30.05.2020).

Abbildung 3: Artikel „Vatikan öffnet Archiv zu Kriegspapst Pius“, einsehbar unter: https://www.dw.com/de/vatikan-%C3%B6ffnet-archiv-zu-kriegspapst-pius/a-47765235 (zuletzt aufgerufen am 20.06.2020).

Abbildung 4: Nuntiaturbericht Pacellis vom 09.11.1923, einsehbar unter: http://www.pacelli-edition.de/dokument.html?idno=3198 (zuletzt aufgerufen am 20.06.2020).

Abbildung 5: Nuntiaturbericht Pacellis vom 09.11.1923, einsehbar unter: http://www.pacelli-edition.de/dokument.html?idno=3198 (zuletzt aufgerufen am 20.06.2020).

Abbildung 6: Hörnschemeyer, 2009, S. 14.

Abbildung 7: Dokumente der Pacelli-Edition nach Archiven, einsehbar unter: http://www.pacelli-edition.de/dokumente-nach-archiven.html (zuletzt aufgerufen am 20.06.2020).

Abbildung 8: Dokumente der Pacelli-Edition nach Themen, einsehbar unter: http://www.pacelli-edition.de/dokumente-nach-themen.html (zuletzt aufgerufen am 20.06.2020).

Abbildung 9: Dokumente der Pacelli-Edition chronologisch geordnet, einsehbar unter: http://www.pacelli-edition.de/dokumente-chronologisch.html (zuletzt aufgerufen am 20.06.2020).

Beitragsbild: Startseite der Pacelli-Edition, einsehbar unter: http://www.pacelli-edition.de/index.html (zuletzt aufgerufen am 30.05.2020).