AutoThür – Autobiographische Lebensläufe aus Thüringen

Über den Autor

Leonhard Strobel ist Studierender der Universität Regensburg. Nach einem Bachelor of Arts in Geschichte und Informationswissenschaft, aktuell strebt er einen Abschluss im Masterstudiengang Europäische Gesellschaften im Wandel an der Universität Regensburg an.

Dieser Eintrag entstand als Arbeitsauftrag in der Übung Hands-on History: Historische Schriftquellen im digitalen Zeitalter im Sommersemester 2020 an der Universität Regensburg.

Digitale Edition von Thüringer Leichenpredigten

Spricht man in den Disziplinen der Geisteswissenschaften von Digitalisierung, wird diese zumeist instinktiv auf die Scans von Texten, Quellen, Archivalien und Bildern reduziert. Diese umfassen aber weit nicht das Potential, das eine digitale Edition mit den heute bestehenden Werkzeugen und Möglichkeiten leisten könnte. Gerade im Forschungsfeld der Digital Humanities entstehen immer mehr Projekte, die neben der einfachen Verfügbarmachungen der Quelle selbst, mehrere Wege – Transkription mittels OCR oder Informationsvisualierung – zur computergestützten Erfassung und Weiterverarbeitung bieten und somit auch neue Perspektiven und Forschungsfragen eröffnen. Ein solches Projekt ist „AutoThür“.

Entstehung und Inhalt des Projekts

Der Grundstein zur Erforschung von Personalschriften – Schriften zu Geburt, Hochzeit und Tod eines Menschen – wurde bereits 1976 an der Philipps-Universität Marburg gelegt. Die gegründete Forschungsstelle Personalschriften katalogisiert dementsprechend diesen biographischen Quellenbestand aus dem Zeitraum 1550 – 1750 (Witzel, 2013). Die digitale Edition „AutoThür“ umfasst zehn autobiographischen Lebensläufe aus Thüringer Leichenpredigten der Frühen Neuzeit und ist ein Pilotprojekt der Philipps-Universität Marburg. Sie verfolgt den Zweck die Quellen dahingehend auszuloten, wie sie sich im Internet so präsentieren und erschließen lassen, dass sie von der Forschung optimal genutzt werden können (Witzel, 2018). Im Jahr 2013 wurde schließlich die digitale Edition und mehrere Datenbanken bezüglich der Leichenpredigten unter den Namen „AutoThür“ online veröffentlicht und sind für die Nutzer frei zugänglich [Beschreibung Forschungsstelle] (17.05.2020). Da die Leichenpredigten außerhalb ihres zeitgenössischen Kontexts – den Funeraldrucken – dargestellt werden, soll das Projekt zur einer umfassenden Edition der Thüringer Funeraldrucke ausgebaut werden (Witzel, 2018).

Inhalt und Quellenwert

Ausschnitt eines Lebenslaufes

Die Leichenpredigten, die seit dem 17. Jahrhundert auch einen Lebenslauf des Verstorbenen beinhalten, erhalten ihren Quellenwert durch mehrere Aspekte. Einerseits war der Autor dazu gezwungen nur die markantesten und prägendsten Ereignisse seines Lebens anzugeben, da dieser Lebenslauf einen bestimmten Umfang nicht überschreiten durfte. Andererseits werden durch das autobiographische Charakteristikum persönliche Erfahrungen und Erwartungen sichtbar. Da die Selbstzeugnisse teilweise bereits zu Lebzeiten angefertigt wurden, nahmen die Autoren in manchen Fällen Überarbeitungen bzw. Ergänzungen vor, um ein präsentierbares Selbstbild darzustellen [Einleitung zur digitalen Edition] (17.05.2020). An Quellenwert bieten die Leichenpredigten nicht nur für sozialgeschichtliche Untersuchungen eine hervorragende Basis, sondern beispielsweise auch für Kunstgeschichte, Literaturgeschichte oder die Theologie. Es handelt sich als dabei um ein multi- und interdisziplinäres Quellenkonvolut, das zwar aktuell nur einen kleinen Ausschnitt online bietet, aber von ausgesprochenem Wert ist. [Quellenwert zur digitalen Edition] (17.05.2020).

Beteiligte des Projekts

Digitalisierungsprozess und implementierte Funktionen

„AutoThür“ beschränkt sich, im Vergleich zu einer „klassischen“ digitalen Edition, nicht nur auf den Scan des Originals, dem eine händischen Transkription beiliegt, sondern bedient sich auch einiger Werkzeuge der Digital Humanities. Die in den Texten der Leichenpredigten vorkommenden Personen, persönliche Daten, Orte und Namen werden mittels TEI (Text Encoding Initiative) ausgezeichnet. Dies bildet die Grundlage für die spätere Weiterverarbeitung der Daten. Die TEI-codierte XML-Datei kann zu jeder Leichenpredigt eingesehen werden. Ebenso ist der Quellenbestand mit einigen visuellen Tools erschlossen, die dem Nutzer der Edition mehrere Perspektiven zur Quelle bzw. zum Inhalt geben können. Die vorkommenden historischen Orte sind mit der geographischen Online-Datenbank verbunden, sofern sie identifiziert werden konnten. Somit kann man per Google-Maps-Ausschnitt die Person lokalisieren. Die in den Quellen erscheinenden Personen selbst sind mit ihren Namen mit der GND (Gemeinsamen Normdatei) verlinkt, womit steckbriefartig die Information zur Person einzusehen sind. Neben diesen zwei Registern kann der Nutzer der Edition über drei interaktive Zugänge auf die Quellen zugreifen: [Einleitung zur digitalen Edition] (17.05.2020)

Zeitleiste

Zeitleiste von Johann Georg Heinold
  • Im Text erwähnte Ereignisse werden angezeigt
  • Datierbare Lebensabschnitte kommen zur Darstellung
  • Navigation zur entsprechenden Quellenpassage via Klick auf Ereignis/Lebensabschnitt

Karte mit Lebensstationen

Lebensstationen von Georg Ulrich von Beulwitz
  • Markierung aller nachvollziehbaren Lebensstationen eines Autors
  • Klick auf Ortssymbol zeigt Ortsnamen und Quellenpassage an
  • Layer mit Lebensstation kann ausgeblendet werden

Personennetzwerk-Graph

Personennetzwerk von Johann Michael Andreä
  • Visualisierung aller genannten Personen
  • Untergliederung der Beziehungen in: Familie, Ausbildung, Beruf, Sonstige
  • Klick auf Personenknoten leitet zur jeweiligen Person im Personenregister und zur Quellenpassage weiter

Mögliche Nutzung der Daten

Beispielsweise für die Sozialgeschichte dürften diese Daten besonders aufschlussreich sein. Sie lassen soziale und wirtschaftliche Prozesse von mehreren Einzelpersonen ableiten und es werden zudem Strukturelemente einer historischen Gesellschaft sichtbar. Ebenso könnte die Genealogie vom Personennetzwerk profitieren, da familiäre Verbindungen explizit aufbereitet wurden.

Link zur digitalen Edition

http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/digitale-editionen/autothuer.html

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis